McMindfulness – wie viel Modernes verträgt die Achtsamkeit

Nun bin ich seit rund 20 Jahren auf dem Weg der Achtsamkeit und Meditation und dabei habe ich vieles ausprobiert. Theoretisch und vor allem praktisch befasste ich mich mit Zen, Kontemplation, Yoga und vielen anderen spirituellen und psychologischen Methoden wie zum Beispiel dem Holotropen Atmen, dem EFT (Emotional Freedom Techniques) sowie den unterschiedlichen Schulen der Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie.  Manches davon fand ich interessant und manches seltsam und weniger für meine persönliche und berufliche Entwicklung dienlich. Wenn ich von der beruflichen Entwicklung schreibe, dann meine ich damit Dinge die für meine heutigen Klienten und Kursteilnehmer von Nutzen wären. 

In diesem Artikel möchte ich etwas von meiner Erfahrung mit Kontemplation und  Zen sowie dem MBSR (Mindfulness Based Stress Reduction nach Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn), zu Deutsch: Stressreduktion durch Achtsamkeit, berichten.

Die Achtsamkeitspraxis im Sinne von Zen und Kontemplation lernte ich von meinem Lehrer, dem Benediktiner und Zen-Meister Willigis Jäger. Ich war fasziniert von der Schlichtheit und Klarheit dieses Weges. Mein Geist war von der Weisheit und Tiefe der alten traditionellen Praxis inspiriert. Die Erleuchtung war das Ziel. Keine Umwege und keine philosophischen Auseinandersetzungen. Setzt dich zur Wand und halt die Klappe. Lass alle deine Gedanken vorbeiziehen und besinne dich ganz auf den jetzigen Augenblick. Ein Weg der alles andere als leicht war. Einige Erfahrungen waren für mich besonders stark und die tieferen Erkenntnisse die ich dabei gewann, ließen mich nicht mehr los. Sicher ein Grund warum ich heute lehre und diesen Artikel schreibe.

Kontemplation und Zen sind spirituelle Wege, dessen Kern nicht ein Glaubenssystem oder eine Theorie ist, sondern die praktische Übung die zur spirituellen Erfahrung (und das meint letztendlich auch den Alltag) führen soll. Die Schulungswege der Kontemplation und des Zen haben längst die klösterlichen Mauern übersprungen und bieten heute zahlreichen Menschen eine Praxis an die sich auch an deren Lebensgewohnheiten angepasst hat. In den Kirchen ist die Kontemplation nichts Außergewöhnliches mehr und es werden sowohl dort als auch außerhalb vermehrt Kontemplationskurse angeboten. Für viele, die die Kirche verlassen haben und „den Weg in den Seelengrund [..] und weniger an theologischen Einsichten“ (Seitlinger/Stöhr 2006) orientiert gesucht, aber nicht in den für sie fremd empfundenen östlichen Praktiken gefunden haben, ist die Kontemplation eine wichtige Quelle für ihre Sehnsucht geworden. Erfahrbare Spiritualität und Heilung sind dabei die wesentlichen Aspekte.

Manche Lehrende beurteilen die heutige spirituelle Praxis − die oft mit westlicher Psychologie vermischt und für manche als Ersatz für die Psychotherapie dient – durchaus kritisch. Der Zen-Meister Ama Samy erklärt: „Die westliche Sichtweise neigt vor allem dazu, Zen-Meditation (hier könnte als Synonym Kontemplation oder auch ein anderer spiritueller Weg stehen) mit Psychotherapie gleichzusetzen. Zen-Meditation kann therapeutisch sein, doch wenn sie nicht spirituell/religiös wird, verliert sie ihr Herz und ihre Seele.“ (Samy 2013)

Achtsamkeit und Wissenschaft

Zahlreiches ist schon über Achtsamkeit und Meditation geschrieben und heute wird überall von Achtsamkeit in den Medien berichtet. Studien belegen erstaunliche Auswirkungen auf Geist und Körper. So wird berichtet, dass unter anderem die Gedächtnisleistung und die Intelligenz gesteigert und die Konzentration sowie die Gelassenheit erhöht wird. Menschen die unter Angst und Depressionen leiden, erleben einen Rückgang der Symptome. Selbstheilungskräfte werden aktiviert, Wunden heilen schneller und Patienten mit chronischen Krankheiten und Schmerzen berichten von Linderung oder gar von kompletter Heilung. Sogar das biologische Altern soll verlangsamt werden (siehe auch meinen Beitrag „Wissenschaftliche Erkenntnisse zur Achtsamkeit und Meditation„)

Das sind doch tolle Nachrichten. Manchmal bin ich selbst überrascht, was das Sitzen in der Stille bewirken soll. Da setzt man sich hin, lässt den Geist ruhen und all die Wunder geschehen.

Die spirituellen Traditionen stellen die Erleuchtung in Aussicht und moderne Achtsamkeitsmethoden wie das MBSR die Heilung für Körper und Geist. Um was geht es eigentlich und was ist tatsächlich möglich?

In meine MBSR-Kurse kommen Menschen primär um ihren Stress zu reduzieren. Im Laufe des Kurses machen sie aber zunehmend die Erfahrung, dass dahinter mehr steckt, als nur das gängige Stressthema, wie zu viel Arbeit und Belastungen im Privatleben. Letztendlich geht es um die Suche nach Sinn und Lebensglück. Und das ist mehr als nur die Abwesenheit von Leid. Alle Menschen, alle Lebewesen wollen glücklich sein.  So sagte mal ein Theologe: Ob Priester, Manager, Verbrecher, Angestellter oder Hausfrau, alle suchen letztendlich nach Gott. Das Wort Gott könnte man auch mit Glück übersetzen. In der Tat, alle unseren Handlungen und Motivationen dienen letztendlich der Befriedigung unserer bewussten und unbewussten Wünsche, um letztlich glücklich zu sein. Auch beim lesen dieses Artikels ist dies sicherlich die Motivation. Außer, und das tue ich bezweifeln, Sie werden dazu gezwungen.

Resümee

Das MBSR ist im Prinzip nichts Neues. Jon Kabat-Zinn hatte aus der uralten Praxis des Zen und der Vipassana Meditation sowie dem Yoga und den westlichen Ansätzen der Psychologie lediglich eine gute Synthese geschaffen, die heute eine gute und vereinfachte Methode für den gestressten und religiös entfremdeten Menschen darstellt. Betonen sollte man dabei, dass Jon Kabat-Zinn selbst jahrelange Erfahrung in den obengenannten Übungen besaß, bevor er das MBSR mit seinen Mitarbeitern entwickelte. Da ich mich persönlich neben den spirituellen Praktiken auch schon immer mit der westlichen Psychologie beschäftigt habe, konnte ich relativ offen auf beide Methoden, das heißt auf die spirituelle Praxis und die Psychologie schauen. Beide haben ihre Stärken bzw. legen ihren Fokus auf unterschiedliche Aspekte. Bezüglich meiner Erfahrung mit der spirituellen Praxis und dem MBSR würde ich heute sagen, dass das MBSR meine Kontemplations- und Zenpraxis bereichert hat. Das MBSR sehe ich mit seiner systematischen Methode und den unterschiedlichen Übungen die aus der Achtsamkeitspraxis und der Psychologie stammen, als ein sehr hilfreiches Mittel zur Stressbewältigung. Stressbewältigung meint hier sicherlich mehr, als nur die Abwesenheit von Stresshormonen und körperlichen Verspannungen. Stress kann vieles bedeuten. So zum Beispiel die Sorge vor Verlust, Ärger über sich und andere, Angst vor Ablehnung, körperliche Schmerzen und Krankheit. Die Übungspraxis aus der Kontemplation und dem Zen ist ein spiritueller und vertiefter Weg zur Selbsterkenntnis. Einen Weg, der zu Herzensqualitäten (Freude, Mitgefühl und Dankbarkeit) und zur Erfahrung des Transpersonalen führen kann. Die Spiritualität und die Psychologie sind in beiden Methoden mit unterschiedlichen Gewichtungen vorhanden und man kann sie nicht voneinander trennen.

Persönlich war ich bevor ich die Ausbildung zum MBSR-Lehrer begann etwas kritisch gegenüber dem MBSR. Nicht zu Unrecht. Denn zu viele Angebote gibt es heute, wo versprochen wird, dass man in kürzester Zeit einen zum Meditations- und Achtsamkeitslehrer ausbilden kann. Also Crashkurse in Achtsamkeit. Bevor ich mich an das Unterrichten wagte, war ich fast 15 Jahre intensiv in der Schulung bei verschiedenen Lehrern und Meistern. Und diese Zeit braucht es auch, um wirklich tiefere Aspekte der Achtsamkeit verstehen zu können und sie zu lehren. Sicherlich geht das manchmal auch kürzer, dann kann man aber nur so weit jemanden führen wie man selbst gegangen ist.

Bis ich die MBSR-Ausbildung begann war mir eine organisierte Ausbildung im Achtsamkeitsbereich fremd. Bekannt sind eher Übertragungen von Meister zu Schüler, eine sogenannte Herz zu Herz Übertragung. Im MBSR war alles recht klar strukturiert und einheitlich. Keine Rituale, Verneigungen, keine spezielle Kleidung und spirituelle Begriffe. Alles ziemlich wissenschaftlich und profan.  Aus meiner nun mehrjährigen Erfahrung in der Kontemplation und dem Zen sowie dem MBSR würde ich behaupten, dass MBSR als ein sehr guter Einstieg, quasi als eine Art Einführung zu tieferen Aspekten der Achtsamkeit führen kann. Oft habe ich erlebt, dass Interessenten die zur Kontemplations- und Zenpraxis kommen nach einigen Besuchen die Übung bzw. ihre Teilnahme nicht mehr fortführen. Für den heutigen in einer recht komplexen Welt lebenden aufgeklärten Menschen reicht es nicht mehr, sich einfach nur hinzusetzten und regungslos eineinhalb Stunden, mit dem Versuch an nichts zu denken, zu verbringen. Oft braucht es mehr. Die Argumente einiger spiritueller Lehrer die behaupten, dass man vorsichtig sein muss damit die Praxis nicht vereinfacht bzw. verwässert wird ist nicht unberechtigt. Bekannt sind heute Begriffe wie McMindfulness, also Achtsamkeits-Fastfood. Die Versuchung ist groß, dem Trend der heutigen Zeit „immer weiter, höher, schneller“ zu erliegen und alles dem Profit zu widmen bzw. den falschen Vorstellungen blind zu folgen.