Kann Intuition geschult werden?

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In einer qualitativen Studie die ich 2014 im Rahmen meiner wissenschaftlicher Arbeit zum Thema Intuition und Achtsamkeitstraining durchgeführt habe, deuteten die Untersuchungsergebnisse darauf hin, dass Intuition allgemein jedem Menschen als Potenzial zur Verfügung steht. Wie aus den Ergebnissen deutlich wurde, handelt es sich bei der Schulung der Intuition wahrscheinlich sowohl um eine Entfaltung als auch um eine Entwicklung. Prinzipiell ist den empirischen Daten zu entnehmen, dass Intuitionen, die einen spirituellen Gehalt vorweisen und als außersinnliche oder mystische Erfahrung definiert werden, eher in die Kategorie von ‚Entfaltung‘ eingeordnet werden können. Dies erklären die Befragten damit, dass dabei eine dem rationalen Bewusstsein nicht zugängliche, aber bereits vorhandene Daseinsebene erfahrbar werde. Insgesamt geht aus den Aussagen der Interviewpartner hervor, dass die Intuition schulbar ist. Dabei muss allerdings betont werden, dass nicht die Intuition als Ergebnis, sondern die Fähigkeit, eine Intuition zu haben bzw. wahrzunehmen, erlernt oder verbessert werden kann. Nicht der Inhalt, sondern der Zugang zu einer Intuition lässt sich also entwickeln. Folglich kann die Intuition nur indirekt geschult und, wie aus den empirischen Daten hervorgeht, die Wahrscheinlichkeit einer Intuitionserfahrung deutlich erhöht werden.

Wie die Interviewpartner erklärten, gibt es oft Momente für eine Intuition bzw. ist sie in einer unterschwelligen Art oft vorhanden, aber den meisten Menschen in der Regel aus unterschiedlichen Gründen (zum Beispiel mangelnde Achtsamkeit) nicht bewusst. Einige Befragte berichten aus ihrer eigenen Erfahrung, dass sie aus Skepsis gegenüber der Intuition und wegen ihrer eher rationalen Ausrichtung bei der Entscheidungsfindung diese gelegentlich verdrängten oder ignorierten. Dies scheint auch die Problematik zu bestätigen, dass die Intuition in der heutigen Gesellschaft durch die stark verwurzelte Dominanz der Ratio noch einen untergeordneten Stellenwert besitzt.

Die Entwicklung oder die Entfaltung der Intuition wird, wie sich aus den Untersuchungsergebnissen ableiten lässt, durch äußere und vor allem innere Faktoren beeinflusst. Zu den positiven Faktoren gehören:

  • Offenheit und Neugier,
  • Vertrauen und intellektuelles Verständnis,
  • eine für das Individuum geeignete Schulungsmethode
  • und das ‚Nicht-Wissen‘, das von bewusst rationalen Denkprozessen frei ist.

Die Kognitionswissenschaften betrachten die Intuition als Ergebnis von unbewussten Prozessen, die sich Vorerfahrungen bedienen und zu denen der Mensch keinen bewussten Zugang bzw. auf die er keinen willentlichen Einfluss hat. Entgegen dieser Meinung sprachen in meiner Studie die Befragten  von einem möglichen Einfluss bzw. einer möglichen Bewusstwerdung von unbewussten Inhalten (die nicht nur an Vorerfahrungen geknüpft sein muss) und somit auch von einem möglichen Zugang zu potenziellen Faktoren, die zu einer Intuition führen können. Demnach geht aus der Untersuchung hervor, dass die Intuitionsentwicklung bzw. die Entfaltung der Intuition durch gezieltes Training möglich ist.

Intuition steht der menschlichen Gewohnheit entgegen, Probleme willentlich durch Denken und Handeln zu lösen. So kommt gerade im Achtsamkeitstraining im Sinne des Zen und der Kontemplation oft das paradoxe ‚Nicht-Handeln, um zu handeln‘ zum Ausdruck: ‚Es gibt nichts zu erreichen und nichts zu tun‘. In der Zen-Praxis wird deshalb erklärt: „Ohne Absicht nur Sitzen, in völliger geistiger Stille. Nichts erreichen wollen und nichts müssen.“ Wichtig sei es also nicht, etwas aufzubauen, ein „Mehr“ zu erschaffen, was das Wort Entwicklung assoziiert. Das ist ein wichtiger Aspekt, der dazu beiträgt, die Möglichkeit der Intuitionsschulung zu verstehen.