Im gegenwärtigen Moment sein

Was zählt, ist immer nur der jetzige Augenblick. Hier findet das wahre Leben statt. Die Gedanken über das Warum und Weshalb in der Vergangenheit und die sorgenden Gedanken, die sich um die Zukunft drehen, sind letztendlich nur Phantasien unseres Geistes. Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft noch nicht da. Im wirklichen Hier und Jetzt sind wir frei!

Wir leben in einer immens schnelllebigen Zeit. Das vorherrschende Motto lautet: immer weiter, höher, schneller. Um was geht es eigentlich? Ein Ziel erreichen und dann gleich weitermachen. Ein Projekt wurde beendet und das nächste wird direkt angefangen. Die Momente und die erreichten Ziele wurden gar nicht richtig wahrgenommen. Was war gut? Was war falsch? Für den Lernprozess spielt das eine wichtige Rolle. Die eigene Entwicklung braucht Zeit.

Die Natur hat ihre eigene Gesetzte. Pflanzen und Lebewesen haben bestimmten Lebenszyklen in der sie sich entwickeln. Wir Menschen haben täglich Übungsbereiche die uns weiterbringen können, leider nehmen wir uns oft nicht die Zeit dafür und reflektieren nicht über die zahlreichen gemachten Erfahrungen. Eher suchen wir nach Hinweisen und Tipps aus Ratgeberbüchern und zahlen teure Seminare und Coachings, die uns dann dasselbe erzählen was wir oft im Alltag erleben und als Lernerfahrung verbuchen könnten. Würden wir in diesen Augenblicken etwas achtsamer und sich unserer Erfahrungen bewusster sein, so könnten wir um einiges klüger werden und einige Fehler nicht wiederholen müssen.

Was fehlt im jetzigen Augenblick, fragte mal der große Zen-Meister Rinzai. Hier müssten die meisten sagen, nichts. Denn der Augenblick ist rein und frei. Unabhängig der äußeren und inneren Turbulenzen, die jeder mehr oder weniger erlebt.

Über das Hier und Jetzt wird viel geschrieben. Nach meiner Erfahrung ist das die Kernessenz des Achtsamkeitstrainings und der meisten spirituellen Wege. Was bedeutet das aber genau? Verstehen tun das im Prinzip alle, leben können es aber die wenigsten. Mein Lehrer, Willigis Jäger, sagte mir das schon vor langer Zeit. Ich habe es vom Kopf her verstanden, aber nicht in der Tiefe erfasst. So suchte ich weiter und wollte noch andere, tiefere Erfahrungen machen. Im „Augenblick sein“ hört sich halt nicht so spektakulär, so mystisch wie „Erleuchtung“ an. Erst nach vielen Jahren und langer Übung begriff ich allmählich was damit gemeint war. Es ist der Zustand der reinen Gegenwärtigkeit, der Zustand des Seins. Dort sind wir frei von zahlreichen belastenden Gedanken die sich in der Vergangenheit und der Zukunft befinden. Das ist der Ort wo das Glück zu Hause ist. So schreibt passend der Jesuitenpriester und spiritueller Lehrer, Anthony de Mello, dazu: Ein erleuchteter Mensch ist sowohl in der Freiheit als auch in der Gefangenschaft ein freier Mensch.

Im Urlaub und in alltäglichen  Momenten verpassen viele durch ihr Denken und Handeln den wahren Augenblick. Alles muss festgehalten werden. Fotos werden geschossen um anderen zeigen zu können wo man war und was man erlebt hat. Das Eigentliche wurde aber verpasst. Die Fotoaufnahme ist nur eine Kopie des echten, wahren Augenblicks.  Der Augenblick lässt sich nicht festhalten. Es ist immer nur dieser eine Moment. Wo sind sie jetzt? Ja, jetzt wo sie das lesen? Vielleicht eingetauscht in den Text und befreit von den Gedanken an die Vergangenheit und die Zukunft, oder schon bei der nächsten Aufgabe?

Versuchen sie öfter über den Tag einfach mal nur zu sein. Sich bewusst zu machen, dass sie in dem Augenblick nichts tun und nichts erreichen müssen, sondern einfach nur sein dürfen. Sich und den Moment ganz und vollkommen wahrnehmen.

Zum Schluss ein passendes Zitat zum Thema:

Achte gut auf diesen Tag,

denn er ist das Leben –

das Leben allen Lebens.

In seinem kurzen Ablauf liegt alle seine

Wirklichkeit und Wahrheit des Daseins,

die Wonne des Wachsens,

die Größe der Tat,

die Herrlichkeit der Kraft.

Denn das Gestern ist nichts als ein Traum

und das Morgen nur eine Vision.

 

Das Heute jedoch, recht gelebt,

macht jedes Gestern

zu einem Traum voller Glück

und jedes Morgen

zu einer Vision voller Hoffnung.

Darum achte gut auf diesen Tag.

Rumi