Was ist Achtsamkeit?

„Ein in der Meditation erfahrener Mann wurde einmal gefragt, warum er trotz seiner vielen Beschäftigungen immer so glücklich sein könne.

Er sagte: ‚Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich spreche, dann spreche ich …‘
Dann fielen ihm die Fragesteller ins Wort und sagten: ‚Das tun wir auch, aber was machst Du darüber hinaus?‘
Er sagte wiederum: ‚Wenn ich stehe, dann stehe ich, wenn ich gehe, dann gehe ich,
wenn ich sitze, dann sitze ich, wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich spreche, dann spreche ich …‘
Wieder sagten die Leute: ‚Das tun wir doch auch!‘ Er aber sagte zu ihnen: ‚Nein, wenn ihr sitzt, dann steht ihr schon, wenn ihr steht, dann lauft ihr schon, wenn ihr lauft, dann seid ihr schon am Ziel.‘“

 

imageWie der obigen Geschichte zu entnehmen ist, zeigt sich Achtsamkeit in einem bewussten Erfassen der gegenwärtigen Situation. Dieses ist frei von Gedanken an die Vergangenheit und die Zukunft. Es gilt den gegenwärtigen Moment bewusst wahrzunehmen, so wie er ist. Dies hört sich leicht an, ist aber wegen den hohen Anforderungen und Ablenkungen, denen wir heute gegenüberstehen, nicht leicht zu erreichen. Für den bekannten Zen-Meister und Friedensaktivisten Thich Nhat Hanh ist Achtsamkeit die Energie, die uns dabei unterstützt in jedem Augenblick „präsent zu sein, das Leben im Hier und Jetzt zu leben.“

Achtsamkeit, ein schlichtes Wort, hinter dem weit mehr steckt als zunächst angenommen. In den letzten Jahren wird die Achtsamkeitspraxis intensiv von verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen wie Neurowissenschaften, Psychologie und Medizin erforscht. Dabei liefern die Untersuchungen erstaunliche Ergebnisse. Die Übung schafft, wie uns die Hirnforschung zeigt, eine messbare Veränderung in der Struktur des Gehirns und als dessen Resultat einen positiven Einfluss auf das Denken und Verhalten. Förderliche Aspekte sind unter anderem eine bessere Selbstwahrnehmung und -erkenntnis, Gesundheitsprophylaxe sowie ein verbessertes Allgemeinbefinden. 

Der ehemalige Professor für Molekularbiologie und Meditationslehrer Jon Kabat-Zinn vergleicht die Achtsamkeit mit einer Lupe, die „die diffusen und impulsgesteuerten Aktivitäten und Reaktionen des Geistes zusammenführt und sie zu einer einzigen Energiequelle bündelt, die uns so für unser Leben, zur Lösung unserer Probleme und zur Selbstheilung zur Verfügung steht.“ 

Achtsamkeit ist eine Fähigkeit, die uns helfen kann, die verschiedenen Herausforderungen im Leben zu meistern. Sie lässt uns erkennen was in uns vorgeht und was für uns wichtig ist. Achtsamkeit sollte nicht nur als Meditation, innere Empfindsamkeit und Konzentration verstanden werden. Es geht um ein bewusstes und gelassenes Wahrnehmen. Das wesentliche Element von Achtsamkeit ist somit die Geistesgegenwärtigkeit.

 

Achtsamkeit kann sich im Alltag oder in der Übung auf vier unterschiedliche Aspekte beziehen:

 

  • Achtsamkeit auf den Körper

Die Aufmerksamkeit ist auf physische Aspekte wie Körperempfindung, Bewegung und Haltung gerichtet.

  • Achtsamkeit auf Gedanken

Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die Gedanken, die zur Formung von Einstellungen, Stimmungen, Haltungen und Verhaltensweisen führen.

  • Achtsamkeit auf Gefühle

Hier richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Qualität der wahrgenommenen Gefühle (z. B. angenehm oder unangenehm).

  • Achtsamkeit auf Sinneseindrücke

Hier ist die Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Wahrnehmungen, Interpretationen und Gedankenprozesse gerichtet die durch die verschiedenen Sinne − z. B. beim Betrachten, Schmecken oder Riechen − hervorgerufen werden.

 

Hanh, Thich Nhat (2013): Achtsam arbeiten, achtsam leben. Der buddhistische Weg zu einem erfüllten Tag. München: Barth Verlag.
Kabat-Zinn, Jon; (2013): Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung mit MBSR. Vollst. überarb. Neuausg. München: Knaur TB Verlag.